Erfahrungsbericht eines Hörgeräte-Einsteigers
Motivation für diesen Erfahrungsbericht
Anhand meiner eigenen Erfahrung als frischer bzw. unerfahrener Hörgeräte-Träger möchte ich hiermit all denjenigen, die sich mit dem Gedanken plagen, ob sie sich ein Hörgerät zulegen sollen oder nicht, helfen, die Hemmschwelle gegen das "Unbekannte" abzubauen. Ggf. spart Ihnen dieser Bericht auch runde € 4000.- in der Haushaltskasse. Die Presse und insbesondere einige Fernseh-Sendungen brachten ja bereits einige kritische Berichte über die Akustiker-Preise, die sicher viele Leute eher verunsicherten und die Hemmschwelle zum Gang zum Akustiker noch höher setzten. Vorweggesagt, trotz meiner teilweise kritischen Einstellung gegenüber den Akustikern bereue ich es nicht, den Schritt zum Hörgerät gewagt zu haben.
Vorgeschichte
Schon in meinen jungen Jahren bemerkte ich eine starke Beeinträchtigung meines Hörvermögens des linken Ohres. Da ich beruflich als junger Ingenieur meist im Ausland unterwegs war, kümmerte ich mich nicht weiter darum, zumal ich mich dadurch nicht benachteiligt fühlte. Eigentlich ganz im Gegenteil: ich musste oft in Afrika in Hotels übernachten, die regelmäßig Ramba-Zamba bis nach Mitternacht veranstalteten, ich legte mich dann auf die Seite meines gesunden rechten Ohres, und schon war Ruhe. Als ich meine Tätigkeit als Busch-Ingenieur nach 12 Jahren in 1986 zum Zwecke der Familiengründung beendete, ließ ich mein linkes Ohr untersuchen, das inzwischen ziemlich taub geworden war. Diagnose: Verwachsung des Steigbügels, die per Operation bereinigt werden musste. Gesagt, getan, das Ergebnis der Operation war aber eher bescheiden: Ich konnte dann links zwar wieder etwas hören, aber mit einem miserablen Frequenzgang, d.h. ab 3 kHz war absolut Schluss. Na ja, macht nichts, dachte ich, ich kann ja rechts ganz gut hören.
Erst als ca. 60jähriger verschlechterte sich auch langsam die Hörfähigkeit des rechten Ohres. Ich nahm es nicht weiter tragisch, da es sicherlich die "normale" Altersschwerhörigkeit sei. Im normalen Leben bzw. Gesprächen bemerkte ich kein wesentlichen Einschränkungen, lediglich bei Gruppen- bzw. Konferenzgesprächen (Neudeutsch Meetings) bekam ich Einiges nicht mit. Da ich beruflich meist mit Arbeiten im Labor (Software-Entwicklung) und Entwicklung von Kommunikationskonzepten (am Rechner) beschäftigt war, nahm ich die zunehmende Beeinträchtigung auch nicht weiter ernst.
Erst nach meiner Pensionierung 2010, als 65jähriger, fasste ich den Entschluss, mein Hörproblem mal ernsthaft anzugehen. Als rüstiger Pensionär habe ich mir einige Ehrenämter eingehandelt (im Vorstand von Kirche, Amateurfunk-Club, Seniorenarbeit). Bei den Sitzungen merkte ich dann doch, dass Vieles an mir vorbei ging. Gott sei Dank gab es meist ein Protokoll, wo ich die verpassten Themen dann doch noch mitbekam. Also ging ich zum Ohrenarzt, der mit dann auch dringend zum Tragen von Hörgeräten riet.
Ohrenärztliche Verordnung einer Hörhilfe, Messprotokoll
In den oberen beiden Diagrammen ist ersichtlich, dass ich mit dem rechten Ohr bis 4 kHz noch ganz gut höre, dann sackt es aber ab. Für die Erstellung der Diagramme werden über Kopfhörer einzelne Töne mit zunehmender Lautstärke erzeugt, wobei ich dann jeweils mit Handzeichen angeben musste, ab wann ich den Ton hören konnte. Auf dem linken Ohr geht es schon ab 1 kHz in den Keller. Die Sprachverständlichkeit wird mit Lautsprechern bei einem Sollpegel von 65 dB gemessen, wobei jeweils eine Reihe von einsilbigen Wörtern gesprochen wird. Bei diesem Pegel war meine Sprachverständlichkeit rechts 32 %, links nur 10 % im Vergleich zu einem guten Gehör. Das war dann doch schon ganz schön heftig wenig.
In meinem Bekanntenkreis befragte ich zwei Hörgeräte-Träger nach Ihren Erfahrungen. Diese waren nicht so sehr begeistert, sagten aber, dass sie mit Hörgeräten schon ein bisschen besser hören, aber lange nicht so gut, wie sie sich es erhofft hatten. Dann kamen auch noch die nicht gerade schmeichelnden Berichte der Fernsehmagazine über die Preisgestaltung der Akustiker. Außerdem trugen die Hörgeräte bei meinen beiden Bekannten nicht gerade zum jugendlich-sportlichen Image bei, sie waren doch erheblich sichtbar. Somit schob ich den Gang zum Akustiker erstmal vor mich her.
Im Januar 2011 musste ich mich bei meinem neuen Hausarzt vorstellen, da mein bisheriger aus finanziellen Gründen aufgeben musste. Der neue Doktor baute letztendlich mein hohes Misstrauen gegen die Hörgeräte ab, und zwar mit folgenden Argumenten: Mit Schwerhörigkeit bekommte man das Ein oder Andere nicht mit, dass ist aber nicht das Schlimme. Schlimmer ist, dass man dadurch beginnt, sich so langsam vom Umfeld innerlich abzukapseln. Man redet sich ein, das Gehörte war vermutlich doch nicht so wichtig, was soll's. Man verliert den Mut, immer noch mal nachzufragen. Zuletzt sagt man sich, warum soll ich denn da überhaupt noch hingehen oder teilnehmen, ich kriege ja ehe nur die Hälfte mit. Mit anderen Worten: der psychologische Faktor ist bei weitem gravierender als die physische Beeinträchtigung. Aus diesm Blickpnkt hatte ich es so noch nie betrachtet, aber es leuchtete mir ein. Das erinnerte mich irgendwie an die Zeit, als ich Mitte Vierzig war, und mir erst nach langen Zögern eine Brille zulegte. Die neue Brille verhalf mir nicht nur zum besseren Lesen, sondern befreite mich auch von Unlust zu Lesen und erhöhte mein gesamtes Wohlbefinden. Also auf zum Hörgeräte-Akustiker!
Auswahl des Hörgeräte-Akustikers
Durch die Fernseh-Berichterstattung vorgewarnt, wollte ich mich erst mal im Internet schlau machen. Hier bekommt man eine ungefähre Preisvorstellung, ohne jedoch zu wissen, welches Hörgerät denn nun wirklich zu einem passt. Bei den "guten", d.h. hochpreisigen Geräten konnte man da schon einen Preisunterschied von bis zu € 400.- herausfinden, allerdings ohne Angabe der zwingend notwendigen Zusatzleistungen. Ich habe im Netz auch nur zwei Akustiker-Firmen gefunden, die konkrete Preisangaben gemacht haben. Allerdings waren die Beiden über 100 km entfernt, also kamen die nicht Frage. Also ging ich einfach zu dem nächst gelegenen Laden, der einer größeren Akustiker-Kette gehört. Die Nähe spielt insoweit eine Rolle, da man öfters den Service in Anspruch nehmen muss, bis das Gerät tatsächlich optimal eingestellt ist.
Hier wurde ich sehr kompetent beraten und noch mal genau untersucht. Bei der zweiten Sitzung hatte ich bereits ein passables Gerät (Siemens Pure 501) mit extra für meine Ohren hergestellten Passstücke, sog. Otoplastiken. Nach der dritten Sitzung hatte der Akustiker eigentlich alles optimal eingestellt, nachdem ich ihm meine Wünsche vorgebracht hatte. Es war zwar nicht perfekt, ich musste mich an den etwas blechernen Klang erst gewöhnen, aber bei den "Meetings" konnte ich ein erhebliche Verbesserung feststellen.
Es wurde danach eine vorläufige Rechnung erstellt, die mir nach der 4. Sitzung ausgehändigt wurde. Hier staunte ich nicht schlecht, obwohl ich so etwas befürchtet hatte: Es waren satte € 5600.-, wobei über € 4000.- Eigenanteil für mich dabei waren.
Kostenvoranschlag beim Hörgeräte-Akustiker 1
Den optionalen Schutzbrief kann man hier evtl. noch abziehen, da gewisse Service-Leistungen in den Service-Pauschalen enthalten sind. Ich besprach die ganze Sache noch mal meiner Frau, und überdachte meine augenblickliche finanzielle Situation. Ich hatte vor einigen Wochen mit größeren Renovierungsarbeiten begonnen, für die meine gerade flüssigen Mittel eigentlich schon verbraucht waren. Also was tun? Also noch mal eine Internet-Recherche, und fand eine andere Kette, die eigentlich eher für Brillen bekannt ist, aber neuerdings auch Hörgeräte anbietet. Na, dachte ich, fragen kost' nix, und rief mal an. Ich erfragte den Preis für das o.a. Siemens Pure 501, und erfuhr da, dass das Ganze mich bei ihm gute € 1000.- weniger kosten würde. Dieser Akustiker 2 fragte, ob es denn unbedingt dieses Pure 501 sein müsste, da es doch gleichwertige Geräte gäbe, und wo ich ggf. nur insgesamt 1200.- Eigenleistung hinblättern müsste. Das ist doch ein Angebot, dachte ich, und machte gleich einen Termin aus. Der große Nachteil hierbei war allerdings, dass dieser Akustiker 2 nicht zu Fuß zu erreichen war, sondern knappe 50 km entfernt war. Ich rechnete hin und her, Spritkosten für jede Sitzung, Zeitwand und so weiter. Zeit war für mich als Rentner eigentlich kein Argument, und für die fast € 3000.- Minderkosten würde ich sogar bis nach Südafrika fahren können. Ich machte mich dann am nächsten Tag zum Akusstiker 1 auf, und gab ihm die noch nicht gekauften Geräte zurück. Zugegebener Maßen hatte ich dabei ein bisschen ein schlechtes Gewissen, der er sich wirklich um mich bemüht hatte, aber bei dem Preisunterschied hatte ich eigentlich keine andere Wahl. Er bot mir dann zwar noch ein preiswerteres Gerät an, aber dann wollte ich nicht mehr, weil ich mich ein bisschen verarscht fühlte. Letztendlich verursachte die Entscheidung für den 50 km entfernten Akustiker 2 doch kaum Spritkosten. Im Gegenteil, es war für meine Gesundheit förderlich, da zwischen meinem Wohnort und Akustiker 2 die schönste Fahrradstrecke in der Region liegt. Aus den 2x50 km Autofahrt (je 1 Stunde) wurden 2x 38 km Fahrrad-Tour (gut je 2 Stunden) , die ich sehr genoss. Wie gesagt, ich bin Rentner, und habe unendlich viel Zeit. Im Zielort Bad Neuenahr kehre ich zu Mittag ein, und mache an Ahr und Rhein einige Male Halt, um den Fischreihern oder Schiffen zuzuzsehen. Akustiker 2 war also ein willkommener Anlass, meinen inneren Schweinehund zu überwinden und jedes mal eine längere, aber herrliche Fahrradtour in Angriff zu nehmen. Bis jetzt war mir das Wetter auch immer gut gesonnen.
Wie ging es weiter beim Hörgeräte-Akustiker 2?
Der neue Akustiker eröffnete mir gleich, dass ich hier die Auswahl von praktisch allen Hörgeräte hätte, die es überhaupt auf dem Markt gäbe. Aufgrund der vorherigen telefonischen Terminabsprache hätte er bereits ein Gerät vorbereitet, dass in der vergleichbaren Qualitätsstufe des obigen Siemens Pure 501 liegt. Das neue GN Resound Alera würde mich mit Eigenanteil insgesamt 1200.- kosten. Der Akustiker machte mit mir wieder die Messungen wie schon vorher beim Ohrenarzt und Akustiker 1, und hatte somit die entsprechen Messkurven in seinem Computer abgespeichert. Auch hier hatte ich den Eindruck von hoher Kompetenz und zuvorkommender Bedienung.
Sind die Gehörkurven einmal aufgenommen, ist es für den Computer ein Leichtes, fast jedes beliebige Hörgerät an mein individuelles Hörvermögen anzupassen. Mit dem GN Resound Alera funktionierte das sogar drahtlos, also über eine Art Funk-LAN oder Bluetooth. Das war schon sehr beeindruckend, was man heute alles in ein so kleines Gehäuse, das fast unsichtbar hinter dem Ohr verschwindet, an Technik hinein packen kann. In der beigelegten Beschreibung des Gerätes konnte ich auch nachlesen, dass man hiermit über Funk auch das Telefon oder den Fernseher direkt anschließen könnte. Nach Anpassung der beiden Geräte wurde dann noch der unvermeidliche Rückkopplungseffekt reduziert. Das klappte hervorragend, so wie auch beim Akustiker 1. Die Sitzung, so auch die folgenden, dauerte jeweils ca. 1 Stunde. Ich konnte die beiden Hörgeräte gleich anlassen, und wir vereinbarten für nächste Woche einen Folgetermin. Das Gerät wurde noch nicht mit den Otoplastiken ausgestattet, ebenso fehlt noch eine Halterung.
Auf der Fahrt mit Fahrrad zu meinem nächsten Termin bemerkte ich auf der halben Strecke, dass ich mein rechtes Hörgerät verloren hatte. Das war natürlich äußerst peinlich, wie erkläre ich das dem Akustiker? Muss ich jetzt die € 600.- selbst berappen? Bei der Ankunft beichtete ich gleich mein Unglück, und zu meiner Erleichterung wurde mir gesagt, das klären wir schon irgendwie, und zauberte ein Ersatzgerät aus der Schublade. Na ja, beim folgenden Test wurden mittels Computer noch einige Korrekturen vorgenommen, und anschließend ein neuer Hörtest mit der Sprachverständlichkeit durchgeführt. Der ergab immerhin, dass sich die Verständlichkeit von 30 % auf schöne 85% drastisch erhöhte. Das war in der Tat vergleichbar mit den €5000-Geräten von Akustiker 1. Ebenso wurde den Geräten eine fast unsichtbare Halterung verpasst, damit ich es nicht so leicht verlieren konnte.
Ich wurde darauf hingewiesen, dass, wenn mir die € 1200.- zu viel wären, dass man auch weniger kostspielige Geräte verfügbar hätte. Na ja, dachte ich, prinzipiell könnte ich mir ja die 1200.- leisten, aber als technisch Interessierter kann man ja mal ein billigeres Gerät versuchen. Ich wurde dann gefragt, welche Preisvorstellung ich denn hätte. Ich sagte dann als Hausnummer, ja so um die € 500.- für beide. Der Akustiker schaute in eine riesige Liste, und schlug vor, dass ich ein Gerät dieser Preiskategorie bei der nächsten Sitzung dann ausprobieren könnte. Dann machte ich mich mit dem Fahrrad wieder auf den Rückweg. Ich nahm genau den gleichen Weg wieder wie bei der Herfahrt, da ich inzwischen eine Idee hatte, wo ich denn das Gerät auf der Hinfahrt verloren haben könnte. Sicherlich war es inzwischen zertreten oder vom Wind in den Rhein geweht. Aber auf der Königswinterer Fähre fragte ich einfach mal beim Kassierer nach, ob vielleicht so ein Mini-Teil zufällig abgegeben wurde. Moment'e mal, sagte er, ich muss da mal in unserer Fundkiste nachschauen. Und siehe da, jemand hatte es gefunden dort abgegeben. Ich erinnerte mich, dass ich auf der Hinfahrt auf der Fähre meine Pullover ausgezogen hatte, dazu auch die Brille absetzen musste. Und dabei ging das Ding auch verloren.
Bei der 3. Sitzung wurden mir dann die €500-Dinger (2x Bernafon Inizia) verpasst und programmiert. Die verbesserten auch die Hörfähigkeit, ich hatte aber irgendwie den Eindruck, dass sie schlechter waren als die GN Resound Alera Geräte. Ich trug diese dann wieder ein Woche, und erschien dann zur 4. Sitzung. Der Akustiker sagte, er sei verpflichtet, mir auch ein kostenfreies Gerät anzubieten, also nur €10.- Zuzahlung pro Gerät. Naja, versuchen kann man es ja mal, und schon wurden mir die Billig-Dinger, GN Resound Ziga 61 verpasst. Ruckzuck waren auch diese mit dem Computer an meine Gehörkurven angepasst, weiter ging es mit einer Woche Probezeit. So arg zufrieden war ich da nicht, auch meine Frau beschwerte sich, dass sie sich öfters wiederholen müsste. Der Grund war vermutlich eine zu geringe Einstellung der Lautstärke. Das fand ich heraus, indem ich dem Fernseher mal mit, mal ohne Hörgeräte zuhörte. Ich konnte da kaum einen Lautstärke-Unterschied feststellen, obwohl die Sprachverständlichkeit mit den Geräten aber auf jeden Fall besser war.
Auf zur 5. Sitzung eine Woche später. Hier bat ich den Akustiker, die Lautsärke auf Programm 1 erheblich anzuheben, Programm 2 so belassen, wie es ist (Anmerkung: alle getesteten Gerät können mit mehreren Programmen geladen werden, z.B. Anpassung an laute/leise Umgebung, die dann durch Knopdruck umgeschaltet werden können). Außerdem bat ich um eine Otoplastik, da der bestehende Einsatz (sog. Tulpe) mir Juckreize im Gehörgang verusachte, und ich mir von der Otoplastik auch einen besseren Sitz versprach und somit das Verlier-Risiko minimiert wird. Er nahm mit einer Formmasse einen Abdruck von meinem Gehörgang, der dann vermutlich einer anderen Spezialfirma zugeschickt wurde, die dann die Otoplastik erst anfertigen musste.
Auf der 6. und vorläufig letzten Sitzung bekam ich dann die fertigen Otoplastiken, anschließend hiermit noch mal eine erneute Einstellung der Rückkopplungs-Minimierung. Der anschließende Hörtest ergab dann auch eine erhebliche Verbesserung der Sprachverständlichkeit, also 85% wie bei den teueren Geräten.
Messprotokoll von Akustiker 2
Was will man mehr? Mir reichte es, mir ging es im Prinzip nur um eine bessere Sprachverständlichkeit bei den Gruppen/Meetings, und irgendwelchen zusätzlichen Schnickschnack mit Induktionsschleife, Telefonanschluss und Funkübertragung brauche ich vorerst nicht. Dann vereinbarten wir den Kauf des Gerätes, der Akustiker erstellte eine detaillierte Rechnung, und ich blätterte die schlappen €20.- für beide Geräte als Zuzahlung hin. Ich konnte es immer noch nicht richtig fassen, von ursprünglich stolzen €4000.- auf bloße € 20.- "heruntergetestet". Der Akustiker 2 übergab mir dann noch zum Abschluss ein großes "Service-Päckchen", das nicht nur Batterien für 1 Jahr enthielt, sondern auch eine Trockenbox für die Nachtlagerung sowie verschiedene Reinigungsmittel. Hier muss man anerkennend sagen, dass dieses Päckchen sowie die Otoplastiken bei Akustiker 1 zusätzlich berechnet worden wären.
Rechnung von Akkustiker 2
Als letzte Aktion musste ich die Nutzbarkeit der Geräte noch einmal vom Ohrenarzt bestätigen lassen, damit die Krankenkasse den Akustiker auch bezahlt. Eine Arzthelferin führte die Tests durch, mit dem Ergebnis, dass ich plötzlich die gleiche Sprachverständlichkeit mit und ohne Hörgeräte hatte. Der Grund hierfür war vermutlich, dass die MTA die Lautsprecher voll Pulle aufgedreht hatte, anstatt den Sollpegel von 65 dB eingestellt zu haben. Als Dipl.-Ing. der Nachrichtentechnik und erfahrener Funkamateur wies ich das gute Mädchen darauf hin, sie konnte den Arzt aber nicht auftreiben, um die Geräte richtig einzustellen zu lassen. Ich überzeugte sie schließlich, dass sie mir das Freigabe-Papier trotzdem geben könnte, da ich ja tatsächlich mit den Hörgeräten zufrieden bin.
Die neuen Hörgeräte in der Praxis
Wie die o.a. Messergebnisse eindeutig belegen, wurde die theoretische Sprachverständlichkeit durch die Hörgeräte erheblich verbessert. Aber wie bewährten sich die Hörgeräte in der Praxis? Wie kann ich die Verbesserung zu Hause messen? Kann ich jetzt tatsächlich alles besser verstehen?
Ein einfacher Test lässt sich mit dem Fernseher machen. Mit den Hörgeräten regelte ich die Lautstärke des Fernsehers soweit herunter, dass ich die Sprache gerade noch einwandfrei verstehen konnte. Dann nahm ich die Hörgeräte heraus, und verglich die Verständlichkeit. In der Tat konnte ich dann nur noch Bruchteile verstehen. Allerdings ist das kein echtes k.o.-Kriterium, man könnte ja die Lautstärke des Fernehers wieder heraufdrehen. Also für den Fernseher bräuchte ich die Hörgeräte eigentlich nicht, obwohl sich meine Familie nun freut, dass die Lautstärke jetzt wieder von "schwerhörig" auf "normal" heruntergedreht werden kann.
Das eigentliche "k.o.-Kriterium" war eigentlich die bessere Sprachverständlichkeit bei den Sitzungen meiner verschiedenen Ehrenämter und Vereinstreffen. Anfänglich hatte ich tatsächlich Zweifel, ob sich hier die Situation erheblich verbessert hat, da ich in manchen Situationen einige Leise-Sprecher immer noch nicht richtig verstehen konnte. Aber wie finde ich das heraus? Dann machte ich den gleichen Test wie mit dem Fernsehen, ich nahm während der Sitzungen die Hörgeräte mal für einige Minuten heraus und verglich die Verständlichkeit. Und hier konnte ich in der Tat eine frappante Verbesserung der Verständlichkeit feststellen. Ohne Hörgeräte konnte ich nur die wenigen ganz lauten Sprecher bzw. meine Sitznachbarn verstehen, der Rest ging unter. Also bin ich eigentlich mit meinen Billig-Geräten sehr zufrieden. Ich sehe ein, dass ich damit kein perfektes Hören erlangt habe, aber eine erhebliche Verbesserung.
Mit dem besseren Hören verbesserte sich auch mein allgemeines Befinden. Mit Freude konnte ich feststellen, dass ich jetzt den Vogelgesang richtig wahrnehmen kann. Vorher vermutete ich, dass in meinem großen Garten eigentlich zu wenige Vögel sind, vermutlich weil meine halbwilde Katze da kräftig wildert. Ich hörte die Vogelstimmen einfach nicht. Jetzt kann ich stundenlang auf der Terrasse sitzen, nur um das muntere Vogelgezwitscher zu hören. In der Tat bin ich irgendwie jetzt wieder mehr "dabei", ich nehme meine Umwelt positiver war. Da musste ich meinem neuen Hausarzt tatsächlich recht geben, als er mich auf das verbesserte allgemeine Wohlbefinden mit Hörgeräten hinwies.
Anfänglich erschien mir der Klang mit dem Hörgeräten etwas blechern bzw. unnatürlich. Das ist vermutlich aber nur ein subjektives Empfinden, da jetzt auch die höheren Töne hörbar sind, und somit ein völlig anderes, noch ungewohntes Klangbild vorherrscht. Das Ohr braucht hier einige Wochen Training, bis es sich an das neue Klangbild gewohnt hat. Der Akustiker rät hier zu Recht, das Hörgerät wegen des Lerneffekts eigentlich immer zu tragen, ausgenommen während der Nachtruhe.
Der Tragekomfort der beiden Geräte ist gut. Sie machen sich so gut wie nicht bemerkbar und sind nicht lästig. Die kleineren Tulpeneinsätze, die ich vorher getestet hatte, erzeugten teilweise einen leichten Juckreiz, während dieses bei den Otoplastiken überhaupt nicht auftritt. Hier muss einschränkend gesagt werden, dass die Otoplastiken bei Akustiker 1 besser saßen. Die Otoplastiken von Akustiker 2 rutschen teilweise heraus, wobei das Hörgerät sich nur durch den Schlauch noch am Ohr hält. Einmal beim Beerenpflücken verlor ich sogar das rechte Gerät, vermutlich weil ich einen Zweig mit dem rechten Ohr streifte. Ich bemerkte es nicht sofort, aber konnte das Gerät nach einiger Zeit wieder finden, da ich mich nur auf wenigen Quadratmetern inzwischen bewegte. Aber die Sache musste ich doch mit einem erheblichen Schreck und 15 min Suchen mit Graßbüschel-Herausreißen bezahlen. Inzwischen habe ich auch herausgefunden, wenn ich die Brille zwischen Hörgerät und Ohr, also außen, aufsetze, ist es mit dem Herausrutschen weniger kritisch. Beim normalen "Brillen-Aufsetzen" klemmen sich die Bügel normalerweise zwischen Kopf und Hörgerät, so dass letztere außen liegen. Aber bei der Nachuntersuchung nach 6 Wochen wurde das Prolem auch gelöst: die Otoplastik wurde mit einem vermutlich raueren Speziallack eingepinselt, und seitdem sitzt das Ding ordentlich.
Preisgestaltung für die Hörgeräte
In den Fernsehmagazinen wurde behauptet, dass der tatsächliche Herstellerpreis von Hörgeräten so zwischen € 35.- und € 75 betragen sollte. Das klingt plausibel, da hier zwar erheblich Entwicklungskosten aufgebracht wurden, aber die Geräte dann in Massenproduktion billig hergestellt werden können. Für welchen Preis die Geräte an die Hörgeräte-Akustiker weiterverkauft werden, ist mir nicht bekannt. Warum werden die Geräte dann von den Hörgeräte-Akustikern zwischen € 400 und € 3000.- verkauft? Der Grund sind sicherlich hier die unvermeintlichen mehrfachen Sitzungen, die notwendig sind, um die Geräte optimal an den jeweiligen Kunden anzupassen. In meinem Fall waren es bzw. werden es 6 Sitzungen, wobei der Akustiker jeweils ca. 1 Stunde aufbringen muss. Rechnet man mit einer Meisterstunde mit € 70.- einsschließlich Messaufwand und Ladenmiete, wären das auch schon € 420.- alleine. Mit meinen 6 Sitzungen ist der gute Mann vermutlich nicht voll auf seine Kosten gekommen, hat zumindest kein Riesen-Profit gemacht. Er bekommt ja noch ein Service-Pauschale von der Krankenkasse für beide Geräte, und mit der könnte es in meinem Fall ggf. auch gerade kostendeckend sein. Innerlich hatte ich da einen Anflug von schlechtem Gewissen, und hätte ihn für seine Mühe vielleicht noch freiwillig€ 200 draufgezahlt, da ich ha sehr zufrieden war..
Die hohen Preise bei den "High-End"-Geräten liegen sicherlich nicht an den kaum höheren Herstellerpreisen. Ich kann ich mir das nur so erklären, dass diese Geräte mehr Schnickschnack bieten, und für den Schnickschnack der Service-Aufwand entsprechend höher ist. In meinem Falle kann ich aber darauf verzichten, und bin zufrieden mit meinem Gerät ohne Schnickschnack.
Ich nehme mal an, dass die grundsätzlichen Eigenschaften aller Geräteklassen gar nicht so unterschiedlich sein können. Sie arbeiten alle nach dem Prinzip der Aufteilung des Gehör-Frequenzspektrum in einzelne Kanäle, wobei je nach Gehörschädigung der Pegel bestimmter Frequenzbereich mehr oder weniger angehoben wird. Sicherlich gibt es hier noch Möglichkeiten für eine bessere Richtungswahrnehmung, Rückkoplungs-Unterdrückung, Anzahl der verschiedene Programmierungen sowie Frequenzkanäle, Lautsprecher-Qualität (Klirrfaktor) sowie Unterdrückung von Störgeräuschen. Aber braucht man das wirklich? Derzeit brauche ich es nicht, aber in 6 Jahren kann ich mir ja ein neues Gerät verpassen lassen. Und da ich bis dann eine Menge über Hörgeräte gelernt haben werde, kann ich mir schon vorstellen, 1000.- bis 2000.- Euro Eigenleistung dazu zu legen, um ein bisschen mehr Komfort zu haben.
Es muss hier allerdings auch erwähnt werden, dass das Billigerät für meine Gehörkuven gut angepasst werden konnte, aber vermutlich nicht für jedermann passen muss. Viele andere Kunden haben ggf. komplexere Gehörschäden, die dann eben nur durch höherwertige Geräte kompensiert werden kiönnen.
Meine Empfehlung für zukünftige Hörgeräte-Nutzer, Vorgehensweise
- Untersuchung beim Ohrenarzt
- mit der vom Arzt ausgestellten "Ohrenärztlichen Verordnung einer Hörhilfe" zu einem Akustiker in Ihrer Nähe aufsuchen
- dem Akustiker gleich mitteilen, dass Sie zuerst ein Kassengerät testen möchten, möglichst gleich mit Nennung eines bestimmten Herstellers
(das Gerät hat er vermutlich nicht selbst auf Lager, kann es aber innerhalb weniger Tage besorgen)- wenn der Akustiker das nicht will bzw. behauptet, er führe keine Kassengeräte, dann den Akustiker wechseln
- dann erst den Hörtest beim Akustiker durchführen (Sitzung 1, das spart Zeitaufwand für beide Seiten)
- eine Woche Probetragen, bei der nächsten Sitzung (Sitzung 2) die Verbesserungswünsche vortragen, mit der Bitte um Korrektur. Hier noch keine teuere Variante aufschwatzen lassen
- eine Woche Probetragen, dabei viele Tests zu Hause und bei Besprechungen durchführen (wie, siehe oben)
- vermutlich wird der Akustiker Ihnen bei Sitzung 3 dann eine höherpreisige Alternative vorschlagen, die Sie dann auch als Probe annehmen sollten.
- eine Woche Probetragen mit dem teureren Gerät, hier auch die o.a. Tests in der Praxis durchführen
- dann entscheiden, ob das teurere Gerät wirklich viel besser ist als das Kassengerät ist, und bei Sitzung 4 dem Akustiker den Kauf klarmachen
- Beim Ohrenarzt die Tauglichkeit der Geräte bestätigen lassen, damit der Akustiker auch sein Geld bekommt
Zusammenfasssung
- Wer bei sich eine Beeinträchtigung der Hörfähigkeit vermutet, sollte gleich zum Ohrenarzt gehen, der dann voraussichtlich die Anschaffung eines Hörgerätes empfiehlt
- durch Hörgeräte wird nicht nur das Hörvermögen und Sprachverständigung verbessert, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden. Man nimmt Dinge war, die einem vorher gar nicht bewusst waren, z.B. Vogelgezwitscher.
- die Hörgeräte haben ggf. Herstellerkosten zwischen nur €35.- und €75.-, trotzdem werden sie vom Akustiker von 400.- bis 3000.- an den Mann gebracht. Die verschiedenen Preisklassen unterscheiden sich vermutlich nicht so sehr in den Basisfunktionen, sondern mehr um zusätzliche Komfort-Funktionen, die von vielen Kunden aber nicht unbedingt benötigt werden. Der Unterschied zwischen Hersteller- und Akustikerpreisen ist dadurch zu erklären, dass der Akustiker erheblichen Serviceaufwand zu leisten hat, der in den Gerätepreisen enthalten ist. Bei Kassengeräten ist die Verdienstspanne für den Akustiker aufgrund des Service-Aufwandes relativ gering.
- der Akustiker soll aufgefordert werden, zuerst ein Kassengerät anzubieten. Kann oder will er das nicht, dann den Akustiker wechseln.
- Vorteilhaft ist natürlich ein Akustiker in Ihrer Nähe, da sie zumindest die ersten Wochen öfters zum Service müssen. Vielleicht haben sie eine Wahl zwischen Wohnort- oder Arbeitsplatznähe.
- Testen Sie die Probe-Hörgeräte intensiv zu Hause, bei der Arbeit und bei Besprechungen , z.B. die Geräte für einige Minuten herausnehmen, dann zum Vergleich wieder einsetzen
- Erwarten Sie keine Wunder von dem neuen Hörgerät, Sie werden immer mit Einschränkungen leben müssen. Beim Anschaffen einer neuen Brille kann man ggf. dann besser sehen als ein Normal-Sichtiger. Diese Verbesserung werden Sie bei einem neuen Hörgerät nie erreichen können, da der Hörmechanismus bei weiterm komplexer ist als die blosse Korrektur einer Linse. Hörgeräte, die bei jeder verschiedenen Schallsituation sich auf das individuelle Hörempfinden automatisch einstellen, kann es nicht geben (trotz entsprechender Werbung!), ein gesundes Ohr in Zusammenspiel dem Gehirn ist nun mal unübertroffen. Trotzdem bin ich zufrieden, da sich meine Situation insbesondere bei Gruppengesprächen erheblich verbessert hat.
Ich hoffe, mit diesem Erfahrungsbericht dem ein oder anderen potentiellen Hörgeräte-Nutzer einige nützliche Tipps gegeben zu haben.
Karl
bei Fragen: KarlchensHoergeraet@online.de